MOBILER HOSPIZDIENST AUF SYLT: Wie Nadja Lauritzen und Birgit Hussel Syltern helfen, in Würde Zuhause zu sterben

Birgit Hussel und Nadja Lauritzen sind ehrenamtliche Sterbebegleiterinnen auf Sylt. Ein Gespräch über das Tabu-Thema Tod, die schönen Momente in traurigen Stunden und den Umgang mit Sterbenden und ihren Familien.

Copyright die Sylter Rundschau, Inga Kausch, 02. Dezember 2021, 12:02 Uhr

WESTERLAND | Über den Tod wird meist nur hinter vorgehaltener Hand und unter dem Deckmantel der Trauer gesprochen. Sich mit dem Sterben freiwillig im Alltag zu umgeben – für die meisten unvorstellbar. Das Gegenteil beweisen Birgit Hussel und Nadja Lauritzen. Seit beinahe 20 Jahren sind die beiden im Sylter Hospizverein ehrenamtlich aktiv.

„Wir treten in das Leben von Menschen und ihren Familien, wenn der Tod unausweichlich wird. Zwischen der Palliativmedizin und allem Theoretischen kommen wir mit einer pragmatischen Sicht, um die Situation auch ein stückweit zu neutralisieren“, erklärt Nadja Lauritzen ihre Aufgabe.

Ihre Kollegin Birgit Hussel fügt hinzu: „Genau, wir sind quasi die Brücke zwischen all dem.“ Die 66-Jährige Wahl-Sylterin wohnt seit 33 Jahren in Westerland. Als sie sich beruflich umorientieren wollte und eine Zeitungsannonce des Hospizvereins sah, nahm sie 2003 an einem Kurs zur Begleiterin im Hospizdienst teil. Dort lernte sie auch Nadja Lauritzen kennen. „Ich habe mich von der Ausbildung angesprochen gefühlt, da ich einen verwitweten Partner hatte“, erzählt diese. Heute ist sie mit ihm verheiratet. Neben dem Kind ihres Mannes haben sie zwei gemeinsame Kinder. „Ich wollte gern etwas zurückgeben, aus Dankbarkeit, dass ich immer so eine tolle Unterstützung erfahren habe und eine intakte Familie habe.“

Gemeinschaft leisten in den letzten Stunden des Lebens

Die beiden Frauen sind zwei der 13 ehrenamtlichen Sterbebegleitungen auf Sylt. Dabei geht es keinesfalls um pflegerische Maßnahmen, betont Lauritzen: „Wir sind einfach da und begleiten die Sterbenden. Dabei ist die oberste Priorität, den Menschen zu helfen, in Würde zu sterben“ Birgit Hussel ergänzt: „Wir leisten hauptsächlich Gesellschaft.“ Damit tun sie nicht nur den Sterbenden etwas Gutes, sondern entlasten auch deren Angehörige, damit sie mal wieder ein bis zwei Stunden Zeit für sich haben, Termine wahrnehmen können oder sich zur Ablenkung mit jemand Bekanntem treffen können. Gleichzeitig hören die Sterbebegleiterinnen ihnen auch zu, unterstützen und beraten sie – sind schlichtweg da.

Zur Sache

Die Organisation des Hospizvereins

Der Sylter Hospizverein ist ambulant auf der gesamten Insel aktiv. Das heißt, die Sterbenden befinden sich nicht in einem Hospiz, sondern in ihren privaten Wohnverhältnissen oder im Krankenhaus. Die Ehrenamtlichen kommen regelmäßig vorbei, um die Angehörigen zu entlasten und den Sterbenden Gesellschaft zu leisten. Die Sterbebegleitung folgt der Vision der bedingungslosen Gastfreundschaft für Sterbende und ihre Angehörigen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion. Das nahegelegenste Hospiz, das in eigenen Räumlichkeiten betreut, ist das Wilhelminen-Hospiz in Niebüll.

Dass Nadja Lauritzen und Birgit Hussel dabei in die intimsten Situationen der unterschiedlichsten Familien eintauchen, schreckt sie nicht vor ihrem Amt ab. „Man muss sich darauf einlassen, wenn ich offen auf die Menschen zugehe, finde ich immer einen Anknüpfungspunkt für Gespräche. Offenheit ist die Grundvoraussetzung“, sagt Nadja Lauritzen überzeugt.

Sie habe schon im Ausbildungskurs 2003 gemerkt, dass sie die Situationen rund um das Sterben gut aushalten könne und sich darauf einlassen kann. „Ich mache das bis heute aus Überzeugung und der Sinn ist, dass man immer wieder merkt, dass es verschiedene Wege im Leben gibt, man aus dem letzten aber nicht ausbrechen kann. Und auf diesem begleiten wir die Sterbenden und ihre Angehörigen“, ergänzt die Mutter zweier Kinder nachdenklich.

Der Weg in den Hospizdienst

Um im Hospizverein ehrenamtlich aktiv zu werden, muss die Ausbildung zur Begleitung im Hospizdienst inklusive eines Praktikums absolviert werden. Die Ausbildung nimmt etwa 150 Stunden in Anspruch und umfasst theoretische Elemente, abendliche Fortbildungen, aber auch der Austausch untereinander über das Erlebte.

Kommunikation auf vielen verschiedenen Wegen

Auch die letzten Wege sind manchmal noch lang: „Es ist ein sehr zeitintensives Engagement“, berichtet Birgit Hussel. Die 66-Jährige fügt hinzu: „Es ist aber jedem selbst überlassen, wie viel man sich einbringt.“ Bei ihrem letzten Fall sei sie beispielsweise mehrmals pro Woche einige Stunden an der Seite der Sterbenden gewesen.

Kommunikation ist im Hospizdienst die Basis – auf vielen verschiedenen Wegen: „Es ist natürlich schwierig, wenn eine Person nicht mehr sprechen kann“, sagt Birgit Hussel. „Da muss man Fingerspitzengefühl haben und zum Beispiel über Berührungen und Handhalten kommunizieren.“ Manchmal sind es auch kleine Hilfsmittel, wie Musik, mit denen die Betreuerinnen Kontakt zu den Sterbenden herstellen. Von meditativen Klängen bis Lieder von Peter Maffay – Tabus gibt es keine, auch bei Unterhaltungen nicht.

Reden ohne Tabus am Sterbebett

Birgit Hussel sagt unmittelbar: „Wir reden über alles. Familie, Hobbies, aktuelle Themen wie Politik. Je nach Interesse und Vorliebe der Sterbenden.“ Nadja Lauritzen erinnert sich an ein konkretes Beispiel: „Ich hatte mal einen Sterbenden, der als allererstes sagte, er möchte nicht über das Sterben reden. Im Endeffekt haben wir dann doch nur über das Sterben und den Tod gesprochen. Ganz frei, wie sich das Gespräch eben entwickelt.“ Und alles unter dem Mantel der Verschwiegenheit – alle Worte, die fallen, bleiben zwischen den Sterbenden und ihren Begleitungen.

Durch ihr Ehrenamt hat sich auch die Sicht der beiden Frauen auf ihr eigenes Leben verändert. „Ich bin anders aufmerksam und sensibilisierter. Alles wird relativer und man entwickelt eine andere Toleranzgrenze“, verrät Nadja Lauritzen. „Ja, man denkt schon anders über das Leben nach und fragt sich, was wichtig ist, nach dem Motto: Mach es jetzt, später ist vielleicht keine Zeit mehr“, sagt Birgit Hussel zustimmend.

In all der Trauer findet sie jedoch auch immer wieder Momente der Freude. „Natürlich lachen wir auch mal mit den Sterbenden, meist über ganz banale Dinge.“ Ihre Kollegin fügt hinzu: „Das Lachen ist auch erlaubt. Man hinterfragt das kritisch, aber wenn es instinktiv kommt, ist das auch richtig so.“

Für einige kommt das nahende Ende ganz unverhofft

Bei jedem Fall warten neue Umstände, Persönlichkeiten und Schicksale auf die Sterbebegleitungen. Nadja Lauritzen erinnert sich: „Wir haben damals eine aus unseren eigenen Reihen rund um die Uhr betreut. Das war besonders intensiv, da war nichts, was nicht ausgesprochen werden konnte. Es war alles so klar und geordnet, weil sie sich so drauf eingelassen hat und nachher auch ganz ruhig gehen konnte.“ Doch es gebe auch Familien, für die der nahende Tod völlig unvermittelt käme. Sich an den Hospizverein zu wenden, sei dann schon ein erster Schritt, um Ordnung in die Situation zu bringen. Die Hemmschwelle dazu müsse jedoch erst mal überschritten, die unausweichliche Nähe des Todes akzeptiert werden – ein Problem in der Gesellschaft.

Frei von jeglicher Bewertung

„Wir müssen den Tod annehmen und akzeptieren. Den Sterbeprozess können wir nicht anhalten. Ich nehme das aber an als unausweichlich“, sagt Lauritzen pragmatisch. Die 49-Jährige Sylterin fügt hinzu: „Was ich im Laufe der Jahre auch gelernt habe ist, aufzuhören, alles rund um den Tod herum zu bewerten. Wie jemand mit dem Tod umgeht ist ganz individuell. Das muss jeder so machen, wie er es meint.“

Das Leben und der Tod gehören ja untrennbar zusammen. Ganz früher war das auch kein Problem. Da wurde der Verstorbene in den Wohnzimmern aufgebahrt und war ein Teil des Ganzen. Heute gibt man alle Themen rund um den Tod in andere Hände, wie die von Bestattern. Der Tod ist nicht mehr Teil des Lebens und der Gesellschaft, dabei sollte er kein Tabu sein.Birgit Hussel, Sterbebegleitung auf Sylt

Birgit Hussel fügt hinzu: „Das Leben und der Tod gehören ja untrennbar zusammen. Ganz früher war das auch kein Problem. Da wurde der Verstorbene in den Wohnzimmern aufgebahrt und war ein Teil des Ganzen. Heute gibt man alle Themen rund um den Tod in andere Hände, wie die von Bestattern. Der Tod ist nicht mehr Teil des Lebens und der Gesellschaft, dabei sollte er kein Tabu sein.“

Copyright die Sylter Rundschau, Inga Kausch